„D&D-Würfel als Erzählmotor, gebremst vom moralischen Zeigefinger“
Das Spiel
Esoteric Ebb ist ein Singleplayer-CRPG, das die Regeln von Dungeons & Dragons 5e in eine erzählerische Detektivgeschichte übersetzt. Man spielt einen Kleriker in der Stadt Norvik, untersucht die Explosion eines Teeladens und gerät mitten in eine politische Verschwörung samt anstehender Wahl. Statt klassischer Kämpfe und Party-Management löst man Situationen über Würfelproben, die auf den sechs D&D-Attributen von Stärke bis Charisma beruhen, dazu kommen Zauber, Feats und ein Alignment-System. Begleitet wird man von einem Goblin-Sidekick, während Dialoge, Skill-Checks und ein innerer Monolog die Geschichte vorantreiben. Disco Elysium und Planescape: Torment sind die offensichtlichen Vorbilder.
Fazit
Esoteric Ebb klaut sich das D&D-Regelwerk fast wörtlich aus den Büchern und verwandelt es in eine Erzählmaschine, die sich tatsächlich wie eine gute Tischrunde mit einem aufgelegten Spielleiter anfühlt. Das Schreiben ist pointiert, die Figuren sitzen, und der Verzicht auf zähe Kämpfe tut dem Tempo gut. Zwei Dinge trüben das: Die Politik kommt mit erhobenem Finger, jede 'falsche' Entscheidung zieht eine kleine Belehrung nach sich, und die vielgepriesene Verzweigung führt am Ende doch fast jeden zum selben Inhalt. Wer einen würdigen Disco-Elysium-Nachfolger sucht, bekommt hier viel davon, ohne dessen erzählerische Tiefe ganz zu erreichen.
Gefällt dir, wenn …
- +du D&D-Regeln und Würfelproben als Erzählwerkzeug liebst
- +dir starke Texte und Charakterarbeit wichtiger sind als Kampfsysteme
- +du dialoglastige CRPGs ohne Action-Stress suchst
Nichts für dich, wenn …
- −dich politische Botschaften mit Zeigefinger schnell nerven
- −du echte, weit auseinanderlaufende Story-Verzweigungen erwartest
- −fehlende Sprachausgabe bei langen Textwänden dich stört
Wertung
- +Würfelproben und Entscheidungssituationen treffen das Gefühl einer echten Tischrunde
- +der Verzicht auf zähe Kämpfe und Party-Management hält das Tempo schlank
- +Skill-Checks auf Basis der sechs D&D-Attribute geben jeder Szene spürbares Gewicht
- −Inventar und Navigation wirken hakelig, WASD-Steuerung und Klicks sind fummelig
- −manche Dialoge ziehen sich und füllen Leerlauf
- +viele verzweigte Pfade, Builds und Dialogoptionen laden zum Wiederspielen ein
- +Items und Ausrüstung erlauben gezieltes Hochziehen eines Attributs für bestimmte Checks
- +Zauber- und Feat-Systeme sind nah am Regelwerk und bieten echten Spielraum
- −trotz Verzweigung erreichen die meisten Durchläufe nahezu denselben Inhalt
- −zum eigentlichen Ende wird man in bestimmte Entscheidungen gedrängt, sonst droht der Game-Over-Schirm
- +geistreiches, charmantes Schreiben mit emotional tragenden Momenten
- +gut ausgearbeitete Figuren und überraschende Wendungen
- +der innere Monolog gibt dem Kleriker eine eigene Stimme
- −die politischen Themen bleiben plakativ und belehrend, jede schlechte Wahl wird kommentiert
- −Worldbuilding und Vielschichtigkeit reichen nicht an Disco Elysium heran
- −der Humor sitzt nicht durchgängig
- +handgezeichnete Art Direction und stimmiger Stil überzeugen
- +die Musik fügt sich passend ins Ganze
- −keine Sprachausgabe, die langen Textwände wirken neben den polierten Bildern unfertig
- −die NPC-Porträts treffen nicht jeden Geschmack
- +weitgehend bugfreier, runder Zustand
- +übersichtliche UI und sanfter Einstieg
- −das Journal listet nur erfolgreiche Würfe statt nützlicher Quest-Infos
- −vereinzelt Dialog-Flag-Bugs
Wertung