„Klügeres Spionage-RPG, ausgebremst von vermurkster Vertonung“
Das Spiel
ZERO PARADES kommt von ZA/UM, dem Studio hinter Disco Elysium, und ist ein Spionage-RPG in einem fiktiven Setting der 1990er. Man spielt eine begabte, zerrüttete Agentin auf einem letzten Auftrag, sammelt ihr zerbrochenes Netzwerk wieder ein und arbeitet sich durch ein Geflecht aus Lügen und Verrat. Erkundet wird isometrisch per Point-and-Click, der Kern besteht aus Dialogen, Skill-Checks und Würfelwürfen. Neu sind das Erschöpfungssystem mit Anzeigen für Müdigkeit, Angst und Delirium sowie die sogenannten Dramatic Encounters, dynamisch aufgelöste Spannungssequenzen. Ein Gedankenkabinett ähnlich dem Vorgänger formt Charakter und Fähigkeiten.
Fazit
ZERO PARADES ist mechanisch das rundere Spiel, das ZA/UM bisher gebaut hat: Das Erschöpfungssystem verleiht jedem Wurf Konsequenz, und die Dramatic Encounters setzen die Spannung dort ab, wo sie hingehört. Wer es als eigenständiges Spionage-RPG nimmt, bekommt klug verzweigte Pfade und eine herausragend gestaltete Welt. Doch die Vertonung ist im Auslieferungszustand ein Schlamassel aus fehlenden Zeilen und vertauschten Stimmen, und Softlocks kurz vor dem Ende sind ein hartes Ärgernis. Die erzählerische Wucht des Vorgängers bleibt aus, das muss man wissen. Ein starkes Spiel, dem ein paar Patches und ein Funktionscheck der Tonspur gutgetan hätten.
Gefällt dir, wenn …
- +du dialoglastige CRPGs mit Würfel-Checks und Charakterbau magst
- +dich ein Spionage-Plot mit verschachtelten Konsequenzen reizt
- +du bereit bist, gegen DE-Vergleiche ein eigenständiges Werk zu sehen
Nichts für dich, wenn …
- −dich fehlende und falsch zugeordnete Sprachausgabe aus der Stimmung reißt
- −du auf das philosophische Gewicht von Disco Elysium hoffst
- −dir spielzerstörende Bugs und fehlendes Journal die Geduld rauben
Wertung
- +Das Erschöpfungssystem koppelt Müdigkeit, Angst und Delirium an die Würfe und gibt jedem Skill-Check Gewicht
- +Dramatic Encounters bauen in zugespitzten Momenten spürbar Druck auf
- +Würfelmechanik und dynamische Auflösung von Aktionen funktionieren runder als im Vorgänger
- −Über weite Strecken schiebt das Spiel einen durch die Handlung, statt echte Wege offenzulassen
- −Erlernte Alternativlösungen lassen sich oft nicht einsetzen, weil die feste Route sie nicht zulässt
- −Agency entsteht teils nur in Momenten, in denen man ohnehin ins schlechte Ergebnis gedrängt wird
- +Verzweigungen greifen ineinander und beeinflussen andere Quests auf überraschende Weise
- +Mehrere Durchläufe fördern neue Inhalte und Lösungswege zutage
- +Mechanisch dicht aufgebaut, mit vielen verschiedenen Herangehensweisen an Ziele
- −Die politische und philosophische Tiefe von Disco Elysium erreicht es nicht
- −Einzelne Quests wirken trotz mechanischer Fülle abgekoppelt und hohl
- −Manchem Spieler nimmt das Spiel das eigene Nachdenken zu sehr ab
- +Die Spionage-Geschichte und ihr Worldbuilding stehen eigenständig und originell da
- +Der Schreibstil trägt einzelne Figuren bis zu echten emotionalen Treffern
- +Fokus auf Konsequenzen und Intrige statt auf existenzielle Grübelei findet seine Anhänger
- −Die großen Themen wirken aufgesetzter als die Selbstvergebung im Vorgänger
- −Gegen Ende klicken sich manche durch Dialoge, die sie nicht mehr interessieren
- −Der Schatten von Disco Elysium liegt über fast jeder Stärke und schmälert sie
- +Die Art Direction ist herausragend und durchgehend stark
- +Die Vielfalt der Akzente bei den Sprechern gibt der Welt Farbe
- −Komplett fehlende vertonte Zeilen reißen aus der Immersion
- −Gesprochener Text weicht stellenweise vom geschriebenen ab
- −Innerhalb desselben Dialogs tauschen Figuren teils die Stimme, dazu hörbare Mikrofonunterschiede
- −Der Erzähler bleibt blasser als im Vorgänger
- +Ladezeiten und Stabilität sind gegenüber Disco Elysium spürbar verbessert
- −Spielzerstörende Bugs bis zum Softlock kurz vor dem Ende, der einen Durchlauf unvollendbar macht
- −Quest- und Journal-Tracking arbeiten unzuverlässig, Achievements werden falsch gezählt
- −Kein Journal zum Nachlesen vergangener Gespräche, Quest-Erklärungen bleiben dürftig
- −Keine Übersicht, wer welche Figur ist, was den Einstieg erschwert
Wertung