„Ein alter PC als Rätsel: brillant, bis er nachlässt“
Das Spiel
In Desktop Explorer erbst du einen alten Windows-95/98-Rechner und sollst herausfinden, wer ihn benutzt hat und was aus dieser Person geworden ist. Du durchforstest Benutzerprofile, Ordner und träge Software der Epoche und manipulierst Dateien, um den nächsten Faden des Rätsels freizulegen. Zu Beginn stecken die Rätsel im gefälschten Betriebssystem selbst: Du benennst um, verschiebst und bearbeitest, was du findest. Spätere Akte bringen andere Stile ins Spiel, darunter Escape-Room-Logik, das Bearbeiten von Quellcode und Laufpassagen durch ein Spiel im Spiel. Ein Assistent namens Pizzaro begleitet dich, und das Ganze verteilt sich auf drei Akte.
Fazit
Desktop Explorer läuft zur Höchstform auf, wenn der verlassene PC das Rätsel ist, und der erste Akt ist einfallsreich genug, um den Preis allein zu rechtfertigen. Das Problem: Diese Idee hält das Spiel nicht durch. Die späteren Akte tauschen das Herumwühlen in Dateien gegen gewöhnliche Escape-Room-Logik, die Geschichte reißt sich von der eigenen Leine los, und für die Handvoll fortschrittstötender Bugs gibt es keinen Spielstand als Rückhalt. All das schmälert nicht, wie scharfsinnig und atmosphärisch der Auftakt ist oder wie gut Soundtrack und Retro-Optik sitzen. Spiel es wegen des cleveren Einstiegs und der dichten Stimmung, und halte eine Komplettlösung bereit, wenn die Hinweise ausgehen.
Gefällt dir, wenn …
- +Du hast es geliebt, in Hypnospace Outlaw ein gefälschtes Betriebssystem zu durchstöbern, und willst nun ein düstereres Rätsel drumherum.
- +Du Rätsel, die Querdenken verlangen, ganz ohne Hinweise, die dich an die Hand nehmen, magst.
- +Nostalgie für 90er-Jahre-Desktops ist für dich schon Reiz genug.
Nichts für dich, wenn …
- −Verquere Lösungen, für die man eine Anleitung braucht, verderben dir das gesamte Erlebnis.
- −Du ein Rätsel, das sauber aufgeht, statt zum Ende hin zu zerfasern, willst.
- −Ein Bug, der einen Durchgang beendet, ohne dass ein Spielstand als Rückfallebene dient, ist für dich ein Ausschlusskriterium.
Wertung
- +In Akt 1 dient das gefälschte Betriebssystem als Spielzeug. Eine Datei umzubenennen oder Quellcode zu bearbeiten wird dabei selbst zur Lösung.
- +Sitzt eine Lösung, entlockt sie einem einen lauten Ausruf statt eines gleichgültigen Schulterzuckens.
- −Die Akte 2 und 3 verzichten auf das Manipulieren von Dateien und setzen auf gewöhnliches Escape-Room-Klicken, was viele Spieler als Rückschritt empfinden.
- −Ein Teil der Rätsel wirkt vage oder widersinnig und lässt sich nur lösen, indem man errät, was der Designer sich dabei gedacht hat.
- −Die Laufpassagen in NEXTROOM drosseln das Tempo auf Schneckentempo.
- +Dateisysteme und Geschichte greifen ineinander. Antworten werfen neue Fragen auf, statt sie zu schließen.
- +Die Rätseltypen bleiben abwechslungsreich genug, dass sich kaum ein Lösungsansatz wiederholt.
- −Manche Spieler finden, dass die späteren Akte zu eintönigem Point-and-Click verkommen, und das Ganze fällt kürzer aus, als der Aufbau vermuten lässt.
- +Akt 1 enthüllt Stück für Stück Hintergrund, Motiv und Schicksal einer vermissten Person, und die Beziehungen der Figuren wecken das Interesse.
- +Die Themen Schuld, Erinnerung und Scham treten durch das zutage, was auf dem Rechner zurückgeblieben ist, nicht durch ausufernde Erklärungen.
- −Nach dem ersten Akt verliert die Geschichte den Faden und driftet in vage Tagebucheinträge und ein gekünsteltes Ende ab.
- −Zieht man die Präsentation ab, bleibt ein Standardkrimi, den man so schon kennt.
- +Der Windows-95/98-Desktop ist mit echter Sorgfalt nachgebaut, und die Anachronismen bleiben dezent genug, um die Illusion nicht zu zerstören.
- +Der Soundtrack erntet durchweg Lob und passt zur unheimlichen Stimmung.
- −Der Retro-Filter strengt manche Augen an, und ein Jumpscare wirkt aufgesetzt.
- +Die Rätsel fügen sich sauber in die Oberfläche ein, und wer genau hinsieht, findet schriftliche wie visuelle Hinweise, die den Weg weisen.
- −Es gibt Bugs, die den Fortschritt blockieren, und da sich kein früherer Spielstand laden lässt, können sie einen Durchgang endgültig beenden.
- −Fehlen Hinweise oder sind sie zu gut versteckt, kippt ein Rätsel ohne Lösungshilfe von knifflig zu unlösbar.
Wertung